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Reiseberichte

Ins Packeis: acht Tage Nord-Spitzbergen und ein Tag auf 80° 50' Nord

29. Juni 2026 · von Leguan Reisen
Ins Packeis: acht Tage Nord-Spitzbergen und ein Tag auf 80° 50' Nord
© Markus Eichenberger / Oceanwide Expeditions

Am sechsten Morgen schauten die Gäste der MS Plancius aus dem Fenster und sahen kein Wasser mehr. Das Schiff trieb mitten im Eis. Was dann folgte — Stunden an der Reling, drei Eisbären, eine Elfenbeinmöwe und die nördlichste Position der Reise auf 80° 50,1' Nord —, steht im Bordlogbuch der Fahrt vom 21. bis 28. Juni 2026. Es ist eine der ehrlichsten Beschreibungen davon, was eine Packeisreise wirklich ist.

Was ist Packeis — und wie nah kommt ein Schiff heran?

Packeis ist gefrorenes Meerwasser, das in Schollen treibt: kein Gletschereis, kein Eisberg, sondern die zugefrorene Oberfläche des Arktischen Ozeans. Im Juni liegt seine Südgrenze nördlich von Spitzbergen, und genau dorthin fuhr die Plancius.

Wichtig für die Erwartung: Die MS Plancius ist kein Eisbrecher. Sie hat Eisklasse 1D — sie darf sich in loses Treibeis hineinbewegen und Schollen beiseiteschieben, sie bricht aber keine geschlossene Decke auf. Das Logbuch beschreibt das genau so: Das Schiff begann „sich langsam durch die dicht beieinander liegenden Eisschollen zu pflügen und sie nach links und rechts zu schieben. Die dadurch erzeugten Geräusche waren einzigartig."

Danach fuhr das Schiff bewusst wieder heraus: „Um nach Wildtieren Ausschau zu halten, fuhr die Plancius aus dem Eis ins offene Wasser, drehte nach Westen ab und folgte langsam und ziemlich nah der Packeisgrenze." Das ist die eigentliche Technik einer Eisbärenreise — nicht möglichst tief ins Eis, sondern an der Kante entlang, wo Eis, Wasser und Beute zusammenkommen.

Wie weit nach Norden kommt man im Juni?

Diese Reise erreichte 80° 50,1' Nord und legte insgesamt 1.043 Seemeilen zurück. Zum Einordnen: Longyearbyen liegt auf 78° 14' Nord, der Nordpol auf 90°. Vom nördlichsten Punkt dieser Reise trennten das Schiff also noch rund 1.020 Kilometer vom Pol — und dazwischen lag nichts als Eis und Wasser.

Wie weit ein Schiff im Juni kommt, entscheidet nicht der Fahrplan, sondern die Eiskante des jeweiligen Jahres. Sie verschiebt sich von Woche zu Woche, und sie liegt heute im Mittel deutlich nördlicher als vor dreißig Jahren. An Bord war das ein eigenes Vortragsthema: Koen und Kat sprachen über Meereis — „sehr besorgniserregend zu sehen, wie er aufgrund des Klimawandels jedes Jahr kleiner wird."

Wie sieht ein Tag im Eis wirklich aus?

Er besteht zum größten Teil aus Suchen. Das Logbuch beschreibt es unbeschönigt:

„Während der nächsten Stunden wurden immer wieder zahlreiche Feldstecher, Fernrohre und Kameras in die Höhe gehoben und noch mehr Augen begannen die Wasseroberfläche und die eisige Landschaft vor und neben uns abzusuchen. … Wir alle spürten, wie sich wohl Walfänger früher gefühlt haben müssen; während Stunden zu schauen, zu warten, zu suchen und zu hoffen etwas zu entdecken."

Es gibt an so einem Tag keine Anlandung, keinen Programmpunkt, keine Uhrzeit, zu der etwas passiert. Es gibt eine Reling, ein Fernglas und die Ansage über die Lautsprecher — an Bord „Bing-Bong" genannt —, wenn jemand etwas entdeckt hat. Wer damit nichts anfangen kann, für den ist ein Tag im Eis lang. Wer sich darauf einlässt, erlebt eine Konzentration, die es an Land kaum gibt.

Unterbrochen wurde das Suchen an diesem Tag von einer Elfenbeinmöwe, die das Schiff eine Weile begleitete — eine der seltensten Möwen der Arktis, die fast ihr ganzes Leben in Eisnähe verbringt.

Wie oft sieht man auf einer solchen Reise Eisbären?

Diese Woche brachte Sichtungen an vier von acht Tagen:

TagOrtSichtung
22.6.Smeerenburgfjordeinzelner Bär, schwimmend, später an Land
24.6.TorellnesetBär in der Ferne — Landgang abgebrochen
24.6.WahlenbergfjordBärin mit zwei verspielten Jungen, kurz vor Mitternacht
26.6.Packeisgrenzezwei Bären, einer im Zickzack suchend

Das ist eine gute Woche, aber keine garantierte. Und die Sichtungen sahen nicht so aus, wie Fotos vermuten lassen.

Wie nah kommt man an einen Eisbären heran?

Fast nie nah. Der erste Bär am 22. Juni wurde von einem Gast entdeckt und war „fast unmöglich zu erkennen" — die meisten sahen ihn erst, als er auf eine Eisscholle kletterte. Der zweite Bär am 26. Juni blieb „in großer Ferne".

Eisbärin mit zwei Jungtieren, klein in der weiten Packeisfläche nördlich von Spitzbergen
So sieht eine Eisbärensichtung in Wirklichkeit aus: drei Tiere, klein in einer riesigen Eisfläche.Foto: Markus Eichenberger / Oceanwide Expeditions

Daraus folgen zwei praktische Konsequenzen. Erstens: Ein gutes Fernglas ist wichtiger als ein gutes Objektiv. Ein 8×42 oder 10×42 entscheidet darüber, ob Sie den Bären als Tier oder als weißen Punkt erleben. Zweitens: Wer Nahaufnahmen erwartet, wie sie in der Werbung stehen, wird enttäuscht — solche Bilder entstehen mit sehr langen Brennweiten und viel Geduld.

Es gibt auch die andere Richtung. Am 24. Juni endete eine Anlandung bei Torellneset vorzeitig: „Der Spaß endete, als in der Ferne ein Eisbär gesichtet wurde. Ohne Pause kehrten alle Gruppen zum Landeplatz zurück." Auf Spitzbergen hat der Bär Vorrang, und zwar immer. Deshalb steht am Anfang jeder Reise eine verpflichtende Eisbären-Sicherheitseinweisung.

Wie kalt ist es im Juni am Packeis?

Weniger kalt, als die meisten erwarten — aber mit großen Sprüngen. Die Werte dieser Reise, jeweils um 09:00 Uhr gemessen:

TagPositionTemperaturWetter
21.6.78° 14' N+7,5 °Cteils bewölkt
22.6.79° 38' N+7 °Cbewölkt
23.6.79° 27' N+13 °Cklar
24.6.79° 22' N+9 °Cteils bewölkt
25.6.79° 56' N+1,5 °Cbewölkt
26.6.80° 48' N+8 °Cbewölkt
27.6.78° 27' N+6,3 °Cbewölkt
28.6.78° 14' N+5 °Cbewölkt

Bemerkenswert ist der 25. Juni mit 1,5 °C — und der 26. Juni mit 8 °C mitten im Packeis, 90 Seemeilen weiter nördlich. Die Lufttemperatur sagt in der Arktis wenig über das Gefühl aus: Entscheidend sind Wind und Feuchtigkeit. Bei 8 °C an Deck eines fahrenden Schiffes friert man mehr als bei 1,5 °C im Windschatten.

Welche Tiere leben am und im Eis?

Das Eis ist kein leerer Raum. Auf dieser Reise standen im Logbuch:

  • Bartrobben, ruhend auf Eisschollen — die größte Robbe der Arktis und eine Hauptbeute des Eisbären.
  • Sattelrobben, die in großen Gruppen vorbeischwammen.
  • Krabbenfresser (Krabbentaucher) und Dickschnabellummen in kleinen Schwärmen.
  • Die Elfenbeinmöwe, eine Art, die praktisch nur in Eisnähe vorkommt.
  • Am Abend des 25. Juni außerdem Finnwale, Zwergwale und, überraschend, Blauwale.
Bartrobbe ruht auf einer Eisscholle im Treibeis vor Spitzbergen
Eine Bartrobbe auf ihrer Scholle. Wo Robben ruhen, sucht der Eisbär.Foto: Markus Eichenberger / Oceanwide Expeditions

Wann ist die beste Zeit für eine Packeisreise?

Für Nord-Spitzbergen sind das Juni und Anfang Juli. Dann liegt die Eiskante noch weit genug südlich, um sie in einer Woche zu erreichen, das Eis ist noch geschlossen genug für Bären, und die Sonne geht nördlich von 78° gar nicht mehr unter. Diese Reise fand über die Sommersonnenwende statt: Die Gruppe aß am 25. Juni im Eis zu Abend, weil die Hotelabteilung einen Grillabend auf dem Achterdeck organisiert hatte.

Später im Sommer zieht sich das Eis weiter nach Norden zurück. Dann werden Umrundungen der Inselgruppe möglich, aber die Chance auf einen echten Tag im Packeis sinkt.

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Ob eine Reise ans Packeis oder eine Umrundung besser zu Ihnen passt, hängt vor allem davon ab, was Sie sehen wollen — sprechen Sie uns an.

Grundlage dieses Beitrags ist das Bordlogbuch der MS Plancius zur Reise „Nord-Spitzbergen-Entdecker – Ins Packeis" vom 21. bis 28. Juni 2026 (Oceanwide Expeditions). Kapitän: Matei Mocanu. Expeditionsleiter: Jan Belgers. Alle Positionen, Temperaturen und Sichtungen stammen aus diesem Logbuch. Fotos: Markus Eichenberger / Oceanwide Expeditions.

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