Von Spitzbergen nach Ostgrönland: ein Logbuch
Es gibt eine Reise, die zwei Arktisregionen verbindet, die sonst getrennt gebucht werden: Sie beginnt in Longyearbyen auf Spitzbergen, überquert das Europäische Nordmeer und endet zwei Wochen später in Island. Dazwischen liegt der Nordost-Grönland-Nationalpark — mit knapp einer Million Quadratkilometern der größte Nationalpark der Erde und größer als Deutschland und Frankreich zusammen.
Wir haben das Bordlogbuch einer solchen Fahrt ausgewertet: die MS Hondius, 23. August bis 5. September 2025, vierzehn Tage von Longyearbyen nach Akureyri. Alle Positionen, Temperaturen und Beobachtungen auf dieser Seite stammen daraus.
Ny-Ålesund: die nördlichste Siedlung der Welt, in der das WLAN abgeschaltet wird
Der zweite Tag beginnt auf 78°55,5′ Nord in Ny-Ålesund, der nördlichsten dauerhaften Siedlung der Erde. Ein paar bunte Häuser, ein Fjord, der spiegelglatt liegt, und dahinter scharfe Gipfel. Der Ort ist kein Dorf, sondern eine internationale Forschungsstation, in der Wissenschaftler Klima, Atmosphäre und Gletscher vermessen. Deshalb gilt an Bord an diesem Tag eine ungewöhnliche Regel: WLAN und Bluetooth werden vom Morgen bis in den späten Abend vollständig abgeschaltet, weil Funksignale die empfindlichen Messgeräte stören. Es ist einer der wenigen Orte auf der Welt, an dem ein Kreuzfahrtschiff seine Verbindung kappt, um der Forschung nicht in die Quere zu kommen.
Ein Seetag bei null Grad — und dann Packeis im Morgenlicht
Zwischen Spitzbergen und Grönland liegt das Europäische Nordmeer. Am dritten Tag steht das Schiff bei 77°23,3′ Nord und 001°00,7′ West mitten darin, die Temperatur fällt auf null Grad, den kältesten Wert der ganzen Reise. Am Morgen des vierten Tages weckt die Expeditionsleitung die Gäste um 5:45 Uhr — nicht für einen Landgang, sondern für einen Sonnenaufgang. Die Hondius liegt zu diesem Zeitpunkt im Packeis, und im Logbuch steht, dass die ersten goldenen Strahlen das Eis glitzern ließen wie verstreute Diamanten. Anschließend fährt das Schiff mehrere Stunden an der Eiskante entlang auf den Nationalpark zu.
Der größte Nationalpark der Erde beginnt an der Küste
Der Nordost-Grönland-Nationalpark hat keine Zufahrt, keine Ranger-Station am Eingang und keine Besucherzahlen im üblichen Sinn. Er beginnt dort, wo das Schiff anlandet. Die Hondius machte ihre erste Anlandung auf Clavering Ø bei 74°06,8′ Nord — mit einem Weckruf um halb vier morgens, wieder für den Sonnenaufgang. Das Logbuch nennt für diesen Tag elf Grad und windstilles Wetter, was es als ungewöhnlich für eine Region einordnet, in der die Bedingungen sonst schnell umschlagen.
Blomsterbugten: die Blumenbucht im Herbstkleid
Der altnorwegische Name bedeutet Blumenbucht, und im Sommer trägt sie ihn zu Recht. Ende August ist die Blüte vorbei, doch die Farben bleiben: Das Logbuch beschreibt das Goldgelb der Arktischen Weiden neben dem tiefen Rot von Bärentraube und Zwergbirke. Bei blauem Himmel und zehn Grad fanden die Gruppen an Land eine alte Trapperhütte — von denen es in diesem Teil Grönlands mehrere gibt, Überbleibsel der Zeit, als Fallensteller hier überwinterten.
Vierzehn Grad im Alpefjord, und Gestein wie ein aufgeschlagenes Lehrbuch
Der siebte Tag brachte den wärmsten Wert der gesamten Reise: vierzehn Grad bei Sonnenschein im Segelsällskapets Fjord auf 72°25,6′ Nord. Das Wasser lag laut Logbuch so ruhig wie eine bleigraue Glasplatte und spiegelte die Steilwände. Der Landeplatz bei Skipperdal ist bei Geologen bekannt: Schwarzer Basalt und weißer Granit sind dort in deutlich abgesetzten Schichten ineinander verschränkt, sodass die Erdgeschichte offen zutage liegt. Drei Wandergruppen gingen nacheinander an Land.
Carlsbergfjord: ein Tag, an dem man in ein Gemälde tritt
Am achten Tag lag dichter Nebel über dem Carlsbergfjord. Statt die Anlandung abzusagen, fuhren die Zodiacs eine lange Strecke durch den Dunst zur Küste, die sich nur langsam preisgab — gedämpfte Herbstfarben in Braun, Gold und Grau, die im Nebel ineinanderliefen. Das Logbuch beschreibt es als das Gefühl, in ein Gemälde zu treten. Am Nachmittag fuhr das Schiff die Küste von Liverpool Land entlang südwärts, in Richtung Scoresbysund.
Im Scoresbysund: Moschusochsen, Basaltsäulen, Nebel bei Sydkap
Die zweite Reisehälfte führt in das größte Fjordsystem der Erde. Die Vikingebugt, vierzehn Kilometer lang und sechs breit, ist berühmt für ihre sechseckigen Basaltsäulen; an ihrem Ende entwässert der Bredegletscher eine kleine Eiskappe. Bei Harefjord — dem innersten Arm, am nächsten am grönländischen Inlandeis — sichteten die Gäste vom Zodiac aus eine kleine Gruppe Moschusochsen auf der Tundra. Bei Sydkap lag am Morgen Nebel im Fjord, der sich lichtete, sodass die Anlandung nur leicht verspätet stattfand.
Ittoqqortoormiit und die Melancholie des letzten Tages
Der zwölfte Tag ist der letzte mit Landgang. Im Logbuch steht ein für ein Bordbuch ungewöhnlich persönlicher Absatz: Auch die grönländische Natur schien nicht in Stimmung — tiefe Wolken über der Tundra, böiger Wind auf dem Fjord, immer wieder Nieselregen, der alle die Kapuzen aufziehen ließ. Manche gingen ein letztes Mal auf die lange Wanderung, um sich ordentlich müde zu laufen. Ittoqqortoormiit selbst ist die einzige dauerhafte Siedlung an Grönlands Ostküste: rund 350 Einwohner, gegründet 1925, über 500 Kilometer bis zum nächsten bewohnten Ort.
Wann fahren, wie lange, mit welchem Schiff
Die Saison für diese Route läuft von Mai bis September, mit klarem Schwerpunkt im August: In unserem Programm liegen zwei Abfahrten im Mai, fünf im Juni, sieben im Juli, siebzehn im August und drei im September. Die Reisedauer beträgt zwischen vierzehn und zwanzig Tagen, die Preise beginnen bei rund 6.800 Euro und reichen bis über 33.000 Euro für die Komfortschiffe. Neben Hondius und Plancius fährt auch der Segler Rembrandt van Rijn mit 33 Gästen diese Route; für 2026 steht zudem eine Sonnenfinsternis-Expedition im Programm.
Häufige Fragen
Wie kommt man von Spitzbergen nach Ostgrönland?
Per Expeditionsschiff, und die Überfahrt dauert rund zwei Tage. Die hier ausgewertete Reise der MS Hondius startete in Longyearbyen auf 78°13,3′ Nord, besuchte Ny-Ålesund und überquerte anschließend das Europäische Nordmeer bis an die grönländische Eiskante auf etwa 76° Nord. Diese Route wird ausschließlich als Einwegreise gefahren und endet in Island, meist in Akureyri. Eine Fähr- oder Flugverbindung zwischen Spitzbergen und Ostgrönland gibt es nicht.
Wie lange dauert eine Spitzbergen-Ostgrönland-Reise?
Zwischen vierzehn und zwanzig Tagen. Die ausgewertete Reise der MS Hondius umfasste vierzehn Tage vom 23. August bis 5. September 2025, von Longyearbyen nach Akureyri. Davon entfielen zwei Tage auf die Überfahrt nach Grönland und einer auf die Rückfahrt über die Dänemarkstraße nach Island; die übrigen Tage verteilten sich auf Spitzbergen, den Nordost-Grönland-Nationalpark und den Scoresbysund. Der Segler Rembrandt van Rijn fährt die Route in zwanzig Tagen.
Was ist der Nordost-Grönland-Nationalpark?
Mit knapp einer Million Quadratkilometern der größte Nationalpark der Erde — größer als Deutschland und Frankreich zusammen und ohne dauerhafte Bewohner. Er hat keine Zufahrt und keinen Eingang; er beginnt dort, wo ein Schiff anlandet. Auf der ausgewerteten Reise führten die Anlandungen nach Clavering Ø, Blomsterbugten, Renbugten, in den Segelsällskapets Fjord mit dem Alpefjord und in den Carlsbergfjord. Zugang haben ausschließlich genehmigte Expeditionen.
Wie warm ist es auf dieser Route?
Die Spanne ist erheblich und überrascht die meisten. Das Logbuch verzeichnet null Grad auf dem Seetag zwischen Spitzbergen und Grönland — den kältesten Wert — und vierzehn Grad bei Sonnenschein im Segelsällskapets Fjord, den wärmsten. An den Landgangstagen im Nationalpark lagen die Werte meist zwischen sechs und elf Grad, im Scoresbysund zwischen vier und neun. Entscheidend bleibt der Wind: Am letzten Landgangstag zeigte das Thermometer 6,5 Grad bei Windstärke sechs und Nieselregen.
Warum wird in Ny-Ålesund das WLAN abgeschaltet?
Weil Funksignale die wissenschaftlichen Messgeräte der Forschungsstation stören. Ny-Ålesund auf 78°55,5′ Nord ist die nördlichste dauerhafte Siedlung der Welt und beherbergt Forschungseinrichtungen mehrerer Länder, die Atmosphäre, Klima und Gletscher vermessen. Auf der ausgewerteten Reise wurden WLAN und Bluetooth an Bord vom Morgen bis etwa 21 Uhr vollständig abgeschaltet, und die Gäste wurden gebeten, alle sendenden Geräte auszuschalten. Es ist eine der wenigen Stellen der Welt, an der ein Schiff aus Rücksicht auf die Forschung offline geht.
Welche Tiere sieht man unterwegs?
Das Logbuch dieser Reise nennt eine Gruppe Moschusochsen, die vom Zodiac aus bei Harefjord auf der Tundra beobachtet wurde — aus respektvollem Abstand, ohne sie zu stören. Grundsätzlich kommen in dieser Region Moschusochsen, Polarfüchse, Schneehasen und Eisbären vor, dazu Robben und Wale auf See. Die Wildtierdichte in Ostgrönland ist geringer als in Spitzbergen; dafür bewegt man sich durch eine ungleich größere und menschenleerere Landschaft.
Wie rau ist die Rückfahrt über die Dänemarkstraße?
Auf dieser Reise fiel sie moderat aus: Das Logbuch notiert für den 4. September mäßigen Seegang bei einer Fahrt von dreizehn Knoten und vier Grad Lufttemperatur. Einige Gäste hatten mit Seekrankheit zu tun, die meisten waren normal auf den Beinen. Das ist keine Garantie — auf einer Vergleichsreise im selben Revier verzeichnete dieselbe Reederei fünf bis sechs Meter hohe Wellen. Wer empfindlich ist, sollte für diesen Seetag vorsorgen.
Wann ist die beste Reisezeit?
August ist der klare Schwerpunkt: In unserem Programm liegen dort siebzehn der insgesamt vierunddreißig Abfahrten, dazu zwei im Mai, fünf im Juni, sieben im Juli und drei im September. Für die Kombination aus Spitzbergen und Ostgrönland ist der Spätsommer auch sachlich die richtige Wahl, weil die Eiskante vor Nordostgrönland dann am weitesten zurückgewichen ist und der Nationalpark erreichbar wird. Ende August beginnt zudem die Herbstfärbung der Tundra.
Was kostet eine Reise von Spitzbergen nach Ostgrönland?
Die Preise in unserem aktuellen Programm beginnen bei rund 6.800 Euro pro Person und reichen bis über 33.000 Euro. Die vierzehntägigen Fahrten mit MS Hondius und MS Plancius liegen zwischen etwa 7.200 und 8.150 Euro, die zwanzigtägige Segelreise mit der Rembrandt van Rijn bei 8.700 bis 9.100 Euro. Nach oben öffnen die Komfortschiffe die Spanne. Zu beachten ist, dass diese Route als Einwegreise gefahren wird — An- und Abreise erfolgen über zwei verschiedene Länder.
Kann man diese Route auch mit einem Segelschiff fahren?
Ja. Die SV Rembrandt van Rijn fährt die Strecke Spitzbergen–Nordostgrönland mit 33 Gästen in zwanzig Tagen, kombiniert mit einem Flugsegment. Das ist deutlich kleiner als die Expeditionsschiffe mit rund 110 bis 170 Passagieren und bedeutet mehr Zeit an Land, weil alle Gäste in einem Zug angelandet werden können. Die Preise liegen bei 8.700 bis 9.100 Euro und damit im Bereich der motorisierten Schiffe.
Reisen von Spitzbergen nach Ostgrönland
Diese Expeditionen fahren die hier beschriebene Route — durch den Nordost-Grönland-Nationalpark und weiter in den Scoresbysund.