Kleidung für Polarreisen: Was Sie wirklich brauchen
Es gibt einen Satz, den Polarreisende irgendwann von einem Guide zu hören bekommen, meistens bei Nieselregen im Zodiac: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung." Er klingt nach Kalenderspruch, ist aber der ehrlichste Rat, den man vor einer Expedition bekommen kann.
Denn anders als bei einer Kreuzfahrt im Mittelmeer entscheidet Ihre Ausrüstung hier darüber, ob Sie den Tag draußen verbringen oder hinter Glas. Und die gute Nachricht: Es ist weniger, als die meisten befürchten — aber ein paar Dinge sind nicht verhandelbar.
Die eine Regel, an der es keinen Weg vorbei gibt
Für jede Zodiac-Fahrt gilt: wasserdichte Jacke und wasserdichte Hose. Nicht wasserabweisend, nicht imprägniert — wasserdicht. Das ist keine Empfehlung, sondern Bedingung für die Ausschiffung, und in norwegischen Gewässern ist es sogar gesetzlich vorgeschrieben. Wer ohne antritt, bleibt an Bord. Der Grund ist unromantisch: Wer im Fahrtwind eines offenen Bootes nass wird, kühlt schnell aus, und Unterkühlung ist auf See kein Missgeschick, sondern ein Notfall.
Warum drei dünne Schichten besser sind als eine dicke
Das Schichtenprinzip klingt nach Outdoor-Marketing, hat aber einen simplen physikalischen Kern: Zwischen den Lagen sitzt Luft, und Luft isoliert hervorragend. Drei leichte Schichten wärmen deshalb besser als ein einzelner dicker Anorak — und sie lassen sich anpassen. Auf einer Anlandung wechseln Sie binnen einer Stunde vom windstillen Aufstieg ins Schwitzen und zurück in die Böe am Grat. Wer nur eine Schicht dabeihat, hat keine Wahl.
Die äußere Schicht ist die wichtigste — und hier ist die Zahl dazu
Schon ein leichter Wind von sechs Stundenkilometern transportiert achtmal mehr Körperwärme ab als ruhige Luft. Sechs Stundenkilometer sind Spazierganggeschwindigkeit. Deshalb sagen Polarfahrer: „Es ist nicht die Kälte, es ist der Wind." Eine winddichte Außenhülle bringt mehr als der dickste Pullover darunter — und wer beides hat, aber die Hülle im Rucksack lässt, friert trotzdem.
Baumwolle ist der teuerste Fehler auf der Packliste
Wolle, Seide und Kunstfasern wie Fleece halten die Wärme auch dann, wenn sie feucht sind. Baumwolle tut das nicht: Sie saugt sich voll, trocknet langsam und entzieht dem Körper danach Wärme, statt sie zu speichern. Ein Baumwoll-T-Shirt als unterste Schicht kann einen ganzen Landgang verderben — und es ist ausgerechnet das Kleidungsstück, das die meisten ganz selbstverständlich einpacken.
Mütze und Fäustlinge: die zwei unterschätzten Teile
Über den Kopf können bis zu 90 Prozent der verlorenen Körperwärme entweichen. Eine Mütze ist deshalb kein Accessoire, sondern das wirksamste Einzelstück im Gepäck — und ein Guide-Trick lautet: Wenn Ihnen die Füße kalt werden, setzen Sie zuerst die Mütze auf. An den Händen schlagen Fäustlinge Handschuhe deutlich, weil die Finger sich gegenseitig wärmen. Für die Kamera nimmt man dünne Innenhandschuhe darunter — dann muss man zum Fotografieren nicht blank ziehen.
Zu warm angezogen ist auch falsch
Der häufigste Anfängerfehler ist nicht zu wenig Kleidung, sondern zu viel. Wer beim Aufstieg schwitzt, ist beim Stehenbleiben nass — und nasse Kleidung kühlt schneller aus als kalte Luft. Ebenso kontraintuitiv: Enganliegende Kleidung wärmt schlechter, weil sie die isolierende Luftschicht wegdrückt. Locker geschnittene Lagen sind wärmer als straff sitzende, auch wenn sie weniger sportlich aussehen.
Gummistiefel: das Teil, das Sie vielleicht gar nicht kaufen müssen
Für Anlandungen brauchen Sie hohe, wasserdichte Gummistiefel — nasse Landungen bedeuten, dass Sie ein Stück durchs Wasser waten. Bevor Sie welche kaufen: Auf den etwas größeren Expeditionsschiffen können Leihstiefel meist an Bord ausgeliehen werden, oft schon im Reisepreis enthalten. Fragen Sie das vor der Abreise ab, dann sparen Sie Geld und Koffergewicht. Auf kleinen Schiffen und Seglern gibt es diesen Service in der Regel nicht — dort gehören eigene Stiefel ins Gepäck. Wir sagen Ihnen zu Ihrer Reise, was gilt.
Die Regenhose wird am häufigsten unterschätzt
Fast jeder denkt an die Jacke, viele vergessen die Hose — und genau daran scheitert die Ausschiffung. Für Zodiac-Fahrten ist eine wasserdichte Überhose vorgeschrieben, keine wasserabweisende Wanderhose und keine gefütterte Skihose. Sie sollte über die normale Hose passen, weit genug für die Stiefel geschnitten sein und idealerweise Beinreißverschlüsse haben, damit Sie sie über den Stiefeln an- und ausziehen können. Eine gute Regenhose kostet einen Bruchteil der Jacke und entscheidet trotzdem darüber, ob Sie mitfahren dürfen.
Wie kalt es in Spitzbergen wirklich wird
Die Erwartung liegt meist daneben. Im arktischen Hochsommer, also Juni bis August, fallen die Temperaturen nur selten unter den Gefrierpunkt — Spitzbergen im Juli ist kühl, nicht eisig, und viele Gäste sind überrascht, wie erträglich es an windstillen Tagen ist. Entscheidend ist ohnehin nicht das Thermometer, sondern der Wind. Anders sieht es im zeitigen Frühjahr und im Spätherbst aus: Wer im Mai oder September fährt, trifft regelmäßig auf Frost und sollte entsprechend wärmer packen.
Häufige Fragen
Was zieht man auf einer Polarreise an?
Drei Lagen: eine Funktionsunterwäsche aus Wolle oder Kunstfaser, darüber Fleece oder Wollpullover, und als Außenhülle eine wasser- und winddichte Jacke mit passender Hose. Dazu Mütze, Fäustlinge, Schal oder Buff und wasserdichte Stiefel. Baumwolle gehört nicht dazu — sie speichert keine Wärme, sobald sie feucht ist. Das Prinzip lautet: lieber drei dünne Schichten als eine dicke, weil die Luft dazwischen isoliert und weil Sie sich so an jeden Wetterwechsel anpassen können.
Braucht man wirklich wasserdichte Kleidung für Zodiac-Fahrten?
Ja, und es ist keine Empfehlung. Für jede Zodiac-Fahrt sind eine wasserdichte Jacke und eine wasserdichte Hose vorgeschrieben. Wasserabweisend oder imprägniert genügt ausdrücklich nicht. In norwegischen Gewässern — also auch in Spitzbergen — ist diese Vorschrift gesetzlich verankert: Wer nicht entsprechend gekleidet ist, darf das Schiff nicht verlassen. Der Hintergrund ist die Sicherheit, denn im Fahrtwind eines offenen Bootes führt Nässe schnell zu Unterkühlung.
Wie kalt wird es auf einer Arktis-Kreuzfahrt?
Weniger kalt als die meisten erwarten. Im arktischen Hochsommer, also Juni bis August, fallen die Temperaturen nur selten unter den Gefrierpunkt; typisch sind wenige Grad über null. Entscheidend ist nicht das Thermometer, sondern der Wind: Schon sechs Stundenkilometer entziehen dem Körper achtmal mehr Wärme als stehende Luft. Im zeitigen Frühjahr und im Spätherbst wird es deutlich kälter — wer im Mai oder September fährt, sollte wärmer packen.
Sind Fäustlinge oder Handschuhe besser?
Fäustlinge. Darin wärmen sich die Finger gegenseitig, während sie in Handschuhen einzeln auskühlen. Wer fotografiert, kombiniert am besten dünne Innenhandschuhe mit Fäustlingen darüber: So bleibt die Hand bedeckt, wenn Sie für ein Bild kurz aus dem Fäustling schlüpfen. Und noch ein Tipp aus der Praxis: Wenn Ihnen die Füße kalt werden, setzen Sie zuerst eine Mütze auf — über den Kopf gehen bis zu 90 Prozent der verlorenen Körperwärme verloren.
Muss man Gummistiefel für eine Expeditionskreuzfahrt selbst mitbringen?
Nicht unbedingt. Auf den etwas größeren Expeditionsschiffen können Leihstiefel meist an Bord ausgeliehen werden, häufig ohne Aufpreis — dann brauchen Sie keine eigenen zu kaufen und sparen erhebliches Koffergewicht. Auf kleinen Schiffen und Seglern gibt es diesen Service in der Regel nicht; dort gehören eigene hohe Gummistiefel ins Gepäck. Weil es vom Schiff abhängt, klären wir das vor jeder Reise mit Ihnen ab. Wichtig sind in jedem Fall hohe, wasserdichte Stiefel: Bei nassen Anlandungen waten Sie ein Stück durchs Wasser.
Welche Regenhose braucht man für Zodiac-Fahrten?
Eine wasserdichte Überhose — keine wasserabweisende Wanderhose und keine gefütterte Skihose. Sie muss über die normale Kleidung passen und weit genug geschnitten sein, dass sie über die Gummistiefel reicht. Beinreißverschlüsse sind praktisch, weil Sie die Hose dann an- und ausziehen können, ohne die Stiefel auszuziehen. Die Regenhose wird am häufigsten vergessen, obwohl sie zusammen mit der Jacke Bedingung für jede Ausschiffung ist: Wer keine hat, darf nicht ins Zodiac.
Kann man Baumwolle auf einer Polarreise tragen?
Nicht als funktionale Schicht. Baumwolle saugt Feuchtigkeit auf, trocknet langsam und entzieht dem Körper anschließend Wärme, statt sie zu halten. Das gilt für Schweiß genauso wie für Gischt oder Regen. Wolle, Seide und Kunstfasern wie Fleece wärmen dagegen auch im feuchten Zustand. Für den Abend im Schiffsrestaurant ist ein Baumwollhemd natürlich völlig in Ordnung — nur nicht unter der Jacke im Zodiac.