← Zurück zum Blog
Aus den Logbüchern

Zehn Tage um Spitzbergen: das vollständige Logbuch der MS Ortelius

5. August 2026 · von Leguan Reisen
Zehn Tage um Spitzbergen: das vollständige Logbuch der MS Ortelius

Zehn Tage, einmal um Spitzbergen herum. Was auf einer solchen Reise tatsächlich geschieht, steht nicht im Prospekt, sondern im Bordlogbuch, das die Expeditionsleitung jeden Abend führt: Position, Wind, Eisbedeckung, Temperatur — und was der Tag gebracht hat.

Dies ist das Logbuch der MS Ortelius vom Juli 2026, Tag für Tag. Wir haben nichts hinzugefügt und nichts geglättet.

Tag 1 — Einschiffung in Longyearbyen bei Windstärke 8

Sonntag, 12. Juli · Einschiffung
78°18,4′ N / 015°16,1′ E
Wind SW 8 · See mäßig · Regen · +4 °C

Die Reise beginnt bei Regen und Windstärke acht. Longyearbyen, die nördlichste dauerhafte Siedlung der Welt, empfängt seine Gäste mit bunten Holzhäusern vor dramatischen Bergflanken und dem stillen Wasser des Isfjorden. Am Nachmittag geht es an Bord, längsseits am Kullkaia, dem alten Kohlepier. Es folgt, was jede Expedition eröffnet: die Sicherheitseinweisung und das Musterrollen-Manöver.

Tag 2 — Lilliehöökfjord: wenn der Wind den Plan umschreibt

Montag, 13. Juli · Lilliehöökfjorden
79°20,2′ N / 011°41,7′ E
Wind W 4 · Regen und Nebel · 3 °C

Der zweite Tag bringt die wichtigste Erfahrung der Hocharktis gleich zu Beginn: Pläne sind hier immer nur vorläufig. Starke Westwinde halten alle an Bord. Die Ortelius rollt durch zwei Meter Dünung, und die meisten verdienen sich in diesen Stunden ihre Seebeine.

Auf der Suche nach ruhigerem Wasser läuft das Schiff in den Lilliehöökfjord ein, wo der gleichnamige Gletscher als breite Wand aufragt. Der geschützte Fjord nimmt die Bewegung aus dem Schiff, und beim Mittagessen liegt eine Landschaft vor den Fenstern, die niemand geplant hatte. Im Logbuch steht dazu ein Satz, den erfahrene Polarfahrer unterschreiben würden: Manchmal sind die besten Entdeckungen die ungeplanten.

Tag 3 — Liefdefjord und Monacobreen: eine Trapperhütte von 1927

Dienstag, 14. Juli · Texas Bar und Monacobreen
79°33,7′ N / 012°33,1′ E
Wind SW 5 · bedeckt · 5 °C

Der erste volle Expeditionstag führt in den Liefdefjord, einen der schönsten Fjorde Nordspitzbergens. Die Bedingungen sind außergewöhnlich ruhig; das Wasser spiegelt die umliegenden Gipfel beinahe vollkommen. Als die Zodiacs sich dem Ufer nähern, zeigt sich die Tundra in kräftigem Grün, durchsetzt von winzigen arktischen Blüten zwischen Moosen, Gräsern und Zwergsträuchern.

Ziel der Anlandung ist die Texas Bar. Der Name führt in die Irre: Eine Bar war das Gebäude nie. Es ist eine Trapperhütte, 1927 von norwegischen Fallenstellern errichtet, unter ihnen Hilmar Nøis — ein Bau von wenigen Quadratmetern, in dem Männer arktische Winter überstanden, die heute niemand mehr freiwillig verbringen würde.

Tag 4 — Im Packeis auf 80° Nord: kein Eisbär, dafür ein Blauwal

Mittwoch, 15. Juli · Treibeis nördlich von Spitzbergen
80°45,7′ N / 014°03,3′ E
Wind W 4 · Eisbedeckung 7/10 · bewölkt · 1 °C

Über Nacht ist die Ortelius weit nach Norden gefahren, fort vom Land, in ein Gebiet, das selten jemand besucht. Satelliten-Eiskarten hatten gezeigt, dass hier oben noch eine große Fläche Packeis liegt. Wer früh an Deck kommt, findet das Schiff von Meereis umgeben, die gefrorene See reicht bis an den Horizont — im Logbuch steht: ein endloses Mosaik aus Weiß und Blau, beschienen vom flachen Morgenlicht.

Sieben Zehntel Eisbedeckung bedeutet, dass von zehn Teilen Meeresoberfläche sieben mit Eis bedeckt sind. Das Schiff fährt nicht mehr über Wasser mit Eis darauf, sondern durch Eis mit Wasser dazwischen. Den ganzen Tag navigiert es zwischen Schollen jeder Form und Größe. Das meiste ist einjähriges Eis, im vergangenen Winter entstanden und dazu bestimmt, vor dem nächsten zu schmelzen; viele Schollen tragen leuchtend türkise Schmelztümpel, andere sind von Löchern durchsetzt.

Die Sicht ist außergewöhnlich, und alle suchen den Horizont ab. Es kommt kein Eisbär. Nicht einer, einen ganzen Tag lang, im besten Revier bei bestem Wetter.

Dafür liegen Bartrobben auf den Schollen, andere tauchen längsseits auf. Eissturmvögel, Dreizehenmöwen und Dickschnabellummen begleiten das Schiff, und wer im richtigen Moment hinsieht, entdeckt eine Elfenbeinmöwe — einen der seltensten Vögel der Arktis. Am Nachmittag zieht Nebel über das Eis und verwandelt die Landschaft in etwas beinahe Traumhaftes. Das Expeditionsteam serviert heiße Schokolade hinter der Brücke, auf Wunsch mit einem Schuss Rum.

Dann meldet die Brücke Wale. Auf dem Weg nach Süden, hinaus aus dem Eis, erscheint zuerst ein Finnwal — das zweitgrößte Tier der Erde. Kurz darauf ein Blauwal. Kapitän Ernesto und das Brückenteam manövrieren das Schiff behutsam in Position, damit alle das größte Tier sehen können, das jemals auf diesem Planeten gelebt hat.

Der Tag, an dem alle einen Eisbären suchten und keinen fanden, endete mit einem Blauwal.

Tag 5 — Eisbär bei Alkefjellet, Walrosse in Torellneset

Donnerstag, 16. Juli · Alkefjellet, Torellneset, Bråsvelbreen
79°34,7′ N / 019°36,2′ E
Wind SE 4 · bedeckt · 4 °C

Der Weckruf von Expeditionsleiter Adam war für 07:15 Uhr angesetzt. Eine Stunde früher, um 06:15, kommt seine ruhige Stimme über die Bordlautsprecher, mit dem Satz, auf den jeder Arktisreisende wartet: Polarbär voraus.

Der Bär ist noch fast zwei Seemeilen entfernt — es besteht keine Eile. Die Brückencrew hat ihn mit geschultem Blick lange vor allen anderen entdeckt, und so lässt sich in Ruhe verfolgen, wie er gemächlich die Küstenlinie entlangzieht. Aus Gabis Vortrag vom Vortag wissen alle, dass ein Eisbär entspannt wirken kann und dabei fünf Kilometer in der Stunde zurücklegt. Sein cremeweißes Fell hebt sich klar gegen den graubraunen Küstenstreifen ab.

Später am Tag folgen Alkefjellet und Torellneset. Alkefjellet ist eine Basaltwand an der Hinlopenstraße, in der Zehntausende Dickschnabellummen brüten; man fährt im Zodiac an der Felswand entlang, und zuerst fällt nicht der Anblick auf, sondern der Lärm — ein Rauschen aus Rufen, das von der Wand zurückgeworfen wird. Torellneset auf der Barentsøya ist eine der verlässlichen Walrosskolonien der Inselgruppe.

Tag 6 — Sundneset und Kapp Lee: der zweite Eisbär

Freitag, 17. Juli · Sundneset und Kapp Lee
78°05,2′ N / 020°45,5′ E
Wind S 1 · bedeckt · 6 °C

Bei fast völliger Windstille geht es nach Sundneset an Land. Die Gruppen teilen sich, wie an solchen Tagen üblich: Die Langstreckenwanderer starten zuerst, um Zeit für ihre Route zu haben, die mittleren und gemächlichen Gruppen folgen. Die einen steigen durch zerklüftetes Gelände zu weiten Ausblicken auf, die anderen gehen die Uferlinie ab und entdecken die feinen Strukturen der arktischen Tundra unter ihren Füßen.

Dann knackt das Funkgerät. Das Expeditionsteam hat einen Eisbären gesichtet.

Tag 7 — Zodiac-Fahrt in der Burgerbukta

Samstag, 18. Juli · Burgerbukta
77°02,6′ N / 015°54,1′ E
Wind N 2 · See ruhig · bedeckt · +6 °C

Über Nacht läuft die Ortelius nach Süden, um die Burgerbukta rechtzeitig für eine Zodiac-Fahrt am Morgen zu erreichen. Vor der Einfahrt sieht es schlecht aus: Schaumkronen laufen über die See, kräftige Winde streichen die Küste entlang, tiefe Wolken verdecken die Berge. Es scheint, als habe die Natur andere Pläne.

Dann führt Kapitän Ernesto das Schiff in den Schutz der Bucht — und alles ändert sich. Die See wird ruhig, der Wind lässt nach, die Wolken heben sich und geben die Gipfel frei. Alle Zodiacs werden ausgesetzt für drei Stunden in einer Gletscherlandschaft, in der eisenhaltige Berge in Rot- und Orangetönen leuchten.

Tag 8 — 40 Knoten am Van Keulenfjord: warum Anlandungen ausfallen

Sonntag, 19. Juli · Colesbukta
77°55,1′ N / 013°12,2′ E
Wind NW 6 · bewölkt · +4 °C

Geplant war eine Anlandung bei Bamsebu, einer kleinen Jagdhütte am Van Keulenfjord. Der Ort ist bekannt für die zahllosen Belugawal-Skelette, die noch immer am Strand verstreut liegen — Überbleibsel der Zeit des kommerziellen Walfangs auf Spitzbergen.

Beim Frühstück erinnert die Arktis erneut daran, wer die letzte Entscheidung trifft. Die Vorhersage hatte gut ausgesehen, doch der Wind war unterschätzt worden: Böen frischen auf über 40 Knoten auf und fegen über den Fjord. Eine sichere Anlandung ist ausgeschlossen. Im Logbuch steht, dass sich an Bord keine Enttäuschung breitmachte, sondern ein inzwischen vertrautes Gefühl — man setzt den Expeditionshut auf und ist gespannt, was Plan B bringt.

Tag 9 — Fossilien bei Selmaneset und Alkhornet

Montag, 20. Juli · Selmaneset und Alkhornet
78°14,5′ N / 013°56,9′ E
Wind SW 3 · See ruhig · +5 °C

Der letzte volle Expeditionstag beginnt an einer Landzunge, die für ihren fossilreichen Kalkstein bekannt ist. Diese Gesteine entstanden vor mehr als 400 Millionen Jahren, als sie unter einem warmen, tropischen Flachmeer nahe dem Äquator lagen. Die Kontinentaldrift hat sie seither bis auf 78 Grad Nord verschoben.

Wer über den verwitterten Boden geht, findet hervorragend erhaltene fossile Korallen, Brachiopoden und Crinoiden — Zeugnisse einer Arktis, die anders nicht sein könnte als die heutige. Man steht bei fünf Grad im arktischen Wind und hält ein Stück Tropenmeer in der Hand.

Tag 10 — Ankunft in Longyearbyen

Dienstag, 21. Juli · Longyearbyen, Kulkaia
78°14,6′ N / 015°33,2′ E
Wind SE 4 · bedeckt · +7,5 °C

Das Wasser des Isfjorden liegt ruhig, als die Ortelius zur letzten Annäherung ansetzt und die Umrundung Spitzbergens abschließt. Gut eine Woche zuvor war dies der Ort gewesen, an dem Erwartung in der Luft lag; jetzt empfangen dieselben Berge die Rückkehrenden.

Kapitän Ernesto Barría bringt das Schiff mit dem Brückenteam behutsam an den Kohlepier. Die ersten Gäste sind längst wach und trinken einen letzten Kaffee in der Lounge, während Longyearbyen langsam in Sicht kommt. Um 07:15 Uhr ist Adams Stimme ein letztes Mal im Schiff zu hören.

Was dieses Logbuch über eine Umrundung verrät

Fünf Tage vor der Ortelius war die MS Plancius zur selben Reise aufgebrochen. Sie kam bis 80°40,7′ Nord, die Ortelius bis 80°48,9′ Nord — acht Bogenminuten weiter. Kein Verdienst und kein Versäumnis einer Besatzung, sondern die Eislage jener Woche.

MS Plancius
80°40,7′ N
Abfahrt 7. Juli 2026
MS Ortelius
80°48,9′ N
Abfahrt 12. Juli 2026

Zweimal steht ein Tag im Logbuch, an dem der Plan nicht aufging — einmal hielt der Wind das Schiff an Bord, einmal machten 40 Knoten die Anlandung unmöglich. Beide Male entstand daraus etwas anderes: ein Gletscherfjord, den niemand vorgesehen hatte, und ein Plan B, auf den man sich an Bord freute.

Und einmal, am vierten Tag, suchten alle einen ganzen Tag lang bei perfekter Sicht im besten Revier nach einem Eisbären und fanden keinen. Zwei Tage später kam er um Viertel nach sechs am Morgen.

Wer eine Umrundung bucht, bucht eine Absicht, keine Garantie. Genau darin liegt der Unterschied zu einer Kreuzfahrt mit festem Hafenplan.

Häufige Fragen zur Spitzbergen-Umrundung

Wie lange dauert eine Spitzbergen-Umrundung?

Zehn Tage von Longyearbyen nach Longyearbyen. Die hier dokumentierte Reise der MS Ortelius begann am 12. Juli 2026 und endete am 21. Juli. Kürzere Reisen führen meist nur nach Nordspitzbergen und zurück; die vollständige Umrundung braucht diese Zeit, weil der Osten der Inselgruppe nur bei günstiger Eislage passierbar ist.

Wie weit nördlich kommt man bei einer Spitzbergen-Umrundung?

Das entscheidet das Eis, nicht der Fahrplan. Die MS Ortelius erreichte 80°48,9′ Nord, die fünf Tage zuvor gestartete MS Plancius kam bis 80°40,7′ Nord. Beide Schiffe lagen damit deutlich über dem 80. Breitengrad und rund 1.020 Kilometer vom Nordpol entfernt. Zum Vergleich: Longyearbyen, der Ausgangshafen, liegt bei 78° Nord.

Wann kann man Spitzbergen umrunden?

In der Regel von Juli bis Anfang September. Davor liegt der Osten der Inselgruppe meist noch unter Eis und die Hinlopenstraße ist nicht durchgängig befahrbar. Reisen im Mai und Juni sind deshalb fast immer Nordspitzbergen-Routen. Die hier dokumentierte Umrundung fand Mitte Juli statt.

Wie stehen die Chancen, einen Eisbären zu sehen?

Eine seriöse Prozentzahl gibt es nicht. Was dieses Logbuch zeigt: Am vierten Tag verbrachte das Schiff einen ganzen Tag bei ausgezeichneter Sicht im Packeis auf 80°45′ Nord, ohne einen einzigen Bären zu sichten. Zwei Tage später wurde um 06:15 Uhr morgens einer an der Küstenlinie entdeckt, knapp zwei Seemeilen entfernt. Am sechsten Tag meldete das Expeditionsteam während einer Anlandung einen weiteren. Bären halten sich also nicht nur im Packeis auf, sondern ebenso an Küsten und Fjordufern.

Wie kalt ist es im Juli auf einer Spitzbergen-Umrundung?

Die Logbuchwerte dieser Reise reichten von 1 °C im Packeis auf 80°45′ Nord bis 7,5 °C am Ankunftstag in Longyearbyen. An den Anlandungstagen lagen die Temperaturen meist zwischen 4 und 6 °C. Entscheidend für das Empfinden ist jedoch der Wind: Am Abfahrtstag herrschte Windstärke 8, an einem anderen Tag verhinderten Böen über 40 Knoten die geplante Anlandung.

Welche Tiere sieht man bei einer Spitzbergen-Umrundung?

Im Logbuch dieser Reise stehen Eisbären, Walrosse in der Kolonie von Torellneset, Bartrobben auf den Eisschollen, ein Finnwal und ein Blauwal. An Vögeln wurden Eissturmvögel, Dreizehenmöwen, Dickschnabellummen an der Brutwand von Alkefjellet sowie eine Elfenbeinmöwe verzeichnet — einer der seltensten Vögel der Arktis. Planbar ist keine dieser Begegnungen.

Alle Angaben stammen aus dem Bordlogbuch der MS Ortelius (Abfahrt 12. Juli 2026) sowie der MS Plancius (Abfahrt 7. Juli 2026), geführt von der jeweiligen Expeditionsleitung. Positionen, Wetterdaten, Namen und Sichtungen sind unverändert übernommen; ergänzt wurden ausschließlich Erläuterungen zu Fachbegriffen wie der Eisbedeckung.

Weitere Beiträge
Mehr aus dem Blog
Notizen aus dem Eis

Notizen aus dem Eis 147 | Aug in Aug mit Walrossen

1. Juli 2026
Notizen aus dem Eis

Notizen aus dem Eis 146 | Draußen steht ein banger Sommer

23. Juni 2026
Notizen aus dem Eis

Notizen aus dem Eis 144 | Die Schmelze geht langsam weiter

23. April 2026
Inhabergeführt seit 2000 · 26 Jahre Reise-Erfahrung
Leguan Reisen GmbH · Frechen bei Köln
→ leguan-reisen.de Alle Reiseziele → polar-schiffsreisen.de Polar-Portal