Alkhornet und Poolepynten: warum dort Rentiere grasen
Am Alkhornet wächst Gras, wie man es auf Spitzbergen sonst kaum sieht. Der Grund hängt in der Luft: eine senkrechte Felswand, auf der seit Jahrtausenden Vögel brüten.
Dieser Text beschreibt die letzten drei Tage einer Anreisefahrt, die am 25. Mai 2026 in Vlissingen begann und am 5. Juni in Longyearbyen endete — den Moment, in dem ein Schiff nach zehn Tagen auf See Svalbard erreicht.
Poolepynten: die Könige des Strandes
Die erste Anlandung auf Svalbard führte nach Poolepynten auf der Insel Prins Karls Forland, westlich von Spitzbergen. Der Ort ist als Ruheplatz von Walrossen bekannt.
Die Gruppe teilte sich in kleine Einheiten auf, damit jeder Zeit am Strand und an der Lagune hatte — und damit die Tiere nicht bedrängt wurden. Das Bordbuch fasst es knapp zusammen: „Die Walrosse enttäuschten nicht."
Alkhornet: warum dort Rentiere grasen
Am nächsten Morgen lag die Ortelius vor einer Küste mit dichter, üppiger Tundravegetation, über der sich der spitze Gipfel des Alkhornet erhebt — eine senkrechte Felswand, die Dreizehnenmöwen und Dickschnabellummen als Brutplatz bevorzugen.
Und hier schließt sich ein Kreis, den man selten so deutlich sieht: Seit Jahrtausenden düngen diese Vögel den breiten Küstenstreifen unter der Wand. Auf dem so entstandenen Boden wächst ungewöhnlich saftiges Gras. Das wiederum zieht Spitzbergen-Rentiere an, die ihren eigenen Beitrag zur Düngung leisten. Ergebnis: ein Stück Tundra, das dem Bordbuch als vorbildlich gilt.
Die Rentiere waren derart mit Fressen beschäftigt, dass sie die Gruppe schlicht ignorierten. Erst wer zu nahe kam, wurde eines Blickes gewürdigt — laut Bordbuch mit einer Mischung aus Müdigkeit und Neugier.
Über den Köpfen flogen Dreizehnenmöwen hin und her, viele mit Gras oder Moos im Schnabel: Baumaterial für Nester, die der lange Winter beschädigt hatte. Dickschnabellummen schossen zu schnell vorbei, um sie in Ruhe zu betrachten. Am schönsten aber war das Zirpen der Schneeammern — die einzigen Singvögel in diesen Breiten. Sie zu hören war das eine; sie zu sehen etwas anderes.
Ein Polarfuchs auf dem Weg zu den Nestern
Oben am Fuß der Vogelfelsen wartete eine Überraschung: In kurzen Sprüngen, mit häufigen Pausen, bewegte sich ein Polarfuchs quer über den Hang. Braunes Fell, buschiger grauer Schwanz, ein neugieriger, hinkender Gang.
Er ging bergauf, und der Grund liegt nahe: In der Nähe der Nistplätze findet sich immer etwas — ein Ei, ein Küken, gelegentlich ein unaufmerksamer Altvogel.
Auf dem Rückweg über die Tundraebene blieb die Gruppe immer wieder stehen. Die ersten Blüten des Sommers waren heraus: Purpurner Steinbrech und Rasen-Steinbrech.
Am Landeplatz zogen die meisten ihre Schwimmwesten an. Einige taten das Gegenteil und knöpften ihre Hemden auf — für den Polar Plunge im Isfjord. Rund fünfzehn Mutige stiegen ins Wasser. Zuschauen war schon kalt genug; den Schwimmern zufolge war es absolut fantastisch.
Ymerbukta: ein Kilometer, den man nicht überwindet
Am Nachmittag verlegte das Schiff in die Nachbarbucht Ymerbukta. Statt einer Anlandung entschied das Team sich für eine Zodiac-Fahrt — so ließen sich Gletscher und Vögel zugleich beobachten.
Bis zur Gletscherfront kam niemand. Ein kilometerbreiter Gürtel Festeis trennte die Boote davon. Festeis ist Meereis, das mit der Küste verbunden bleibt, statt zu treiben; Anfang Juni liegt es in vielen Buchten Spitzbergens noch. Der Anblick war trotzdem großartig.
Unterwegs: ein Seehund auf einem aus dem Wasser ragenden Felsen, nah genug für Fotos. Und überall Eiderenten — gewöhnliche und die auffälligeren Prachteiderenten mit ihren farbigen Schnäbeln, die allerdings jedes Mal aufflogen, sobald die Boote näher kamen.
Der Abschied gehörte den Belugas
Nach dem letzten Abendessen an Bord, nach der Ansprache des Kapitäns und der Diashow, die ein Guide über alle zwölf Tage hinweg zusammengestellt hatte, kam die letzte Überraschung.
Das Schiff war von einer größeren Gruppe Belugas umgeben. Sie zogen einfach durch den Fjord, auf dem Weg woandershin. Alle strömten an Deck.
Das Bordbuch schließt mit einem Satz, dem man nichts hinzufügen muss: „Meiner Meinung nach hätte es kaum ein passenderes oder majestätischeres Finale für unsere Expedition geben können."
Was Anfang Juni anders ist
Wer Spitzbergen im Hochsommer kennt, trifft Anfang Juni auf eine andere Insel:
- Festeis in den Buchten. Manche Gletscherfronten sind nicht erreichbar. Dafür liegt Eis dort, wo im August offenes Wasser ist.
- Die ersten Blüten. Steinbrech statt der vollen Tundrablüte — die Vegetationsperiode hat gerade erst begonnen.
- Nestbau statt Kükenaufzucht. Die Vogelfelsen sind laut, aber es geht noch um Baumaterial.
- Weniger Schiffe. Die Saison hat gerade angefangen.
Und eine Ehrlichkeit gehört dazu: Auf dieser Reise wurde kein Eisbär gesichtet, obwohl zwei volle Tage im Packeis danach gesucht wurde. Die Artenliste des Bordbuchs weist ihn nicht aus.
Diese Anreise selbst fahren
Die beschriebene Fahrt war die Anreise der MS Ortelius von Aberdeen über Jan Mayen und den Eisrand nach Spitzbergen in zwölf Tagen. Wer weniger Zeit hat, findet dieselbe Idee bei der MS Hondius in zehn Tagen oder bei der MS Plancius zur Sommersonnenwende.
Wer direkt in Longyearbyen einsteigen und die Insel selbst erkunden möchte, findet die passenden Routen in der Reiseübersicht.
Häufige Fragen zu Spitzbergen Anfang Juni
Warum ist die Tundra am Alkhornet so grün?
Wegen der Vögel. Auf der senkrechten Felswand brüten seit Jahrtausenden Dreizehenmöwen und Dickschnabellummen und düngen den Hang unter sich. Auf dem so entstandenen Boden wächst ungewöhnlich üppiges Gras — das wiederum Spitzbergen-Rentiere anzieht, die ihren eigenen Beitrag zur Düngung leisten.
Was ist Poolepynten?
Eine Landspitze auf der Insel Prins Karls Forland westlich von Spitzbergen, bekannt als Ruheplatz von Walrossen. Anlandungen erfolgen in kleinen Gruppen, damit die Tiere nicht bedrängt werden.
Wie sieht Spitzbergen Anfang Juni aus?
Der Winter ist gerade vorbei. In den Buchten liegt noch Festeis, die ersten Blüten kommen heraus — Purpurner Steinbrech und Rasen-Steinbrech —, und die Vögel bauen ihre Nester oder bessern sie aus. Die Temperaturen lagen auf dieser Reise bei rund fünf Grad.
Warum tragen die Guides ein Gewehr?
Wegen der Eisbären. Auf ganz Svalbard ist eine Schutzwaffe bei Aufenthalten außerhalb der Siedlungen vorgeschrieben. Sie ist die letzte Rückfallebene; die eigentliche Sicherheit entsteht durch Beobachtung und Abstand.
Was ist Festeis und warum ist es für Schiffe wichtig?
Festeis ist Meereis, das mit der Küste verbunden bleibt, statt zu treiben. Im Ymerbukta trennte Anfang Juni ein kilometerbreiter Gürtel davon die Zodiacs von der Gletscherfront — die Front war zu sehen, aber nicht zu erreichen.
Welche Tiere sieht man Anfang Juni auf Spitzbergen?
Auf dieser Reise: Walrosse, Spitzbergen-Rentiere, ein Polarfuchs, ein Seehund, eine Ringelrobbe, Eiderenten und Prachteiderenten sowie am letzten Abend eine Gruppe Belugas. Eisbären wurden nicht gesichtet.
Was ist ein Polar Plunge?
Ein kurzes Bad im arktischen Wasser, meist am Ende einer Anlandung. Im Isfjord wagten sich rund fünfzehn Gäste hinein. Die Guides bringen Handtücher und Planen mit an Land.
Grundlage dieses Berichts ist das Bordbuch der Reise OTL01c26 mit der MV Ortelius, 25. Mai bis 5. Juni 2026, von Vlissingen über Aberdeen nach Longyearbyen. Die Fotos stammen aus dem Bildarchiv von Oceanwide Expeditions und zeigen die beschriebene Region und ihre Tierwelt — nicht zwingend die geschilderte Abfahrt.

